Hochsitz
Hochsitz

Ein Hochsitz. Mitten im Wald. Im Herbst. Umgeben von goldbraunem Herbstlaub, dass in der Abendsonne zu glänzen beginnt. Der letzte Duft des Sommers liegt noch in der Luft, während die erste Kühle des Herbstes langsam durch den Wald weht. Wie verlockend es doch wäre, von diesem Hochsitz aus, in den frühen Abendstunden, das Wild zu beobachten.

Ehrlich gesagt, als Kind habe ich mir nie wirklich Gedanken über einen Hochsitz gemacht. Sie waren einfach da. Mitten auf dem Feld oder am Rand des Waldes. Meistens waren sie offen und es war stets ein leichtes, auf ihnen Platz zu machen. Ärger habe ich dafür nie bekommen. Wahrscheinlich aus dem einfachen Grund, dass es nie wirklich jemand mitbekommen hat. Ich war allein und von Zeugen weit und breit keine Spur.  

Auch Jahre später habe ich mir nie Gedanken gemacht. Jeder Hochsitz war über die Jahre ein gewohnter Teil des gesamten Bildes geworden. Sie gehörten zur Landschaft wie die Bäume, die Flüsse oder die Seen. Sie waren immer da. An manchen Stellen verschwanden sie, an anderen tauchten sie wieder auf. Allerdings wurden sie für mich, im Laufe der Jahre, uninteressant. Auf ihnen herumklettern? Die Zeiten waren längst vorbei. 

Darf ich eigentlich einfach auf einem Hochsitz Platz nehmen?

Hochsitz

Es war im Sommer. August 2019. Der Wald war voller Laub, der an einem heißen Tag kühlenden Schatten spendete. Es war gegen Abend. Eine befreundete Jägerin lud mich ein, von einem Hochsitz aus Damwild zu beobachten. Eine Einladung, die ich nicht abschlagen konnte und erst recht nicht wollte. Auf leisen Sohlen, ohne ein Wort zu verlieren, schlichen wir durch den Wald. Wir achteten auf jeden Schritt, versuchten so gut es uns möglich war, keinen Ast zu brechen und kamen irgendwann an einem Hochsitz an, der den Blick auf eine Lichtung bot. Lautlos stiegen wir die Leiter empor und nahmen Platz. Nun hieß es warten. Warten. Warten. Und nochmal warten.

Zwischendurch wechselten wir ein paar Worte. Im Flüsterton. Gerade hörbar. Ich sagte, dass es schon interessant sei, auf einem Hochsitz zu sitzen und merkte an, dass ich das vielleicht öfter mal tun sollte. Die Jägerin lachte. „Dann hol Dir vorher eine Genehmigung. Du kannst nicht einfach auf einem Hochsitz Platz nehmen. Erlaubt ist das nicht.“ Ich war – zugegeben – etwas erstaunt über diese Antwort. Aber je mehr ich in der Stille darüber nachdachte, desto mehr erschloss sie sich mir. Eigentlich war die Sache klar. 

Ein Hochsitz ist eine jagdliche Einrichtung. Sie sind immer Eigentum der jagdausübungsberechtigten Personen. Sprich der Jagdpächterinnen und Jagdpächter. Sie sind keine öffentlichen Aussichtstürme, die von den Gemeinden, Städten oder anderen touristischen Einrichtungen aufgestellt wurden. Dementsprechend ist das Betreten dieser jagdlichen Einrichtungen verboten und kann unter anderem auch Probleme nach sich ziehen.  

Mehr als nur ein Hochsitz.

Wir hatten Glück. Nach einer guten Stunde des Wartens und fast der gleichen Zeit des Schweigens zeigte sich das Damwild. Er äste auf der Lichtung und verschwand nach einiger Zeit wieder. Wir taten es ihm gleich und verließen den Hochsitz. Auf dem Weg zum Auto sprachen wir wieder in normaler Lautstärke.  

Ich erfuhr einiges zu diesem Thema. Ein Hochsitz gehört zu den Ansitzeinrichtungen, die der Jägerin oder dem Jäger bei der Ausübung der Jagd als Ansitzplatz dienen. Je nach Art und Weise, wie sie errichtet wurden, bieten sie nicht nur Schutz vor der Witterung, sondern auch zusätzliche Deckung. Es gibt Leitersitze, Hochsitze, Kanzeln, Klettersitze und Drückjagdböcke. Vielleicht auch noch mehr, allerdings habe ich diese nicht mehr im Gedächtnis. 

Diese jagdlichen Einrichtungen ermöglichen ein sicheres Erkennen und Ansprechen des Wildes. Mit „Ansprechen“ ist das Beurteilen der Tiere gemeint. Der Hochsitz bietet darüber hinaus den Vorteil, dass durch seine erhöhte Form die Flugbahn der Kugel einen spitzeren Winkel hat. Der Erdboden unterhalb des Hochsitzes dient somit als natürlicher Kugelfang, falls die Geschosse ihr Ziel verfehlen. Ein weiterer Vorteil ist, dass bei einigen dieser jagdlichen Einrichtungen die jagdausübende Person über dem Wind sitzt und der Geruch dieser Person vom Wild nicht mehr wahrgenommen wird.  

Der Hochsitz – zum fotografieren ungeeignet.

Das Erlebnis, von oben das Damwild ungestört zu beobachten, war schon großartig. Das gebe ich zu. Und ich bin wirklich dankbar, dieses Erlebnis erlebt haben zu dürfen. Allerdings – aus meiner persönlichen, fotografischen Meinung heraus – bin ich als Fotograf nicht daran interessiert, auf einem Hochsitz Platz zu nehmen. Der Winkel, aus dem heraus ich das Wild fotografieren kann, ist von dort nicht wirklich schön. Falls also jemand aus diesem Motiv heraus eine jagdliche Einrichtung besteigen möchte, sollte sich noch mal darüber Gedanken machen, ob ein Foto aus Bodennähe nicht vielleicht doch die schönere Variante ist.