Brut- und Setzzeit

Mit dem Frühling beginnt die Brut- und Setzzeit. Es ist die Zeit, in der die Natur zu leben beginnt, draußen im Wald und auf den Wiesen die Geburten stattfinden und die Tiere ihren Nachwuchs aufziehen. Die Brut- und Setzzeit ist eine spannende Zeit, in der es allerdings einiges zu beachten gibt. Das Wichtigste ist wahrscheinlich, den Hund an der Leine zu halten.

Mein Hund Andor, ein Weimaraner-Rüde, kam im Winter 2011 zu mir. Ich habe ihn aus einer Familie geholt, die ihn nicht mehr halten konnte. Er war damals eineinhalb Jahre. Nach einer kurzen Eingewöhnungszeit und ein paar Startschwierigkeiten waren wir schnell die besten Freunde. Besonders stolz war ich, als ich bemerkte, dass ich ihn zu jeder Zeit abrufen kann. Ehrlich gesagt, am Anfang war das nicht so. Aber irgendwann genügte ein kurzer Pfiff und Andor kehrte zu mir zurück. Ich bin mir sicher, dass dieser Umstand immer so ist. Trotzdem. Während der Brut- und Setzzeit kommt Andor an die Leine. Und das aus gutem Grund. 

Ich könnte jetzt die gesetzlichen Bestimmungen aufzählen und dass es – in meinem Fall – im Niedersächsischen Gesetz über den Wald und die Landschaftsordnung (NWaldLG) festgeschrieben ist. Ich könnte erwähnen. Dass ein ordnungswidriges Verhalten gemäß §42, Abs. 3 Nr.2 des eben erwähnten Gesetzes mit einer Geldbuße belegt werden kann. Aber ehrlich gesagt, hilft das – meiner Meinung nach – nicht zu verstehen, warum die Brut- und Setzzeit so wichtig ist und warum es einfach erforderlich ist, sich an einige wenige Regeln zu halten.     

Die Brut- und Setzzeit

Brut- und Setzzeit

Wo wir gerade bei den gesetzlichen Bestimmungen sind. Gesetzlich betrachtet, beginnt die Brut- und Setzzeit hier in Niedersachsen am 1. April und endet am 15. Juli. Ich persönlich bin allerdings der Meinung, dass die Natur sich – trotz möglichem, ordnungswidrigem Verhalten – nicht wirklich daran hält. Deswegen würde ich behaupten, dass diese Zeit über den gesamten Frühling bis in den Sommer hinein dauert.

Während dieser Zeit werden auf den Feldern, den Wiesen und natürlich auch im Forst, sprich Wald, beinahe alle Jungtiere geboren. Rehe, Wildschweine, Füchse, aber auch die Vögel bekommen in dieser Zeit Nachwuchs und ziehen ihn auf. Deshalb ist es einfach wichtig, sich an einige Regeln, wie z.B. den Hund anzuleinen, zu halten. Gerade bei den Ricken, den Müttern der Rehkitze ist es so, dass sie die kleinen Kitze versteckt auf den Wiesen und Feldern liegen lassen, um sie später zu säugen.

Dort liegen sie dann ungeschützt und am Anfang ohne Fluchtreflex. Streift nun ein Hund an den jungen Kitzen vorbei und hinterlässt seinen Geruch, ohne ihnen etwas zu tun, kann es sein, dass die Ricke die kleinen Rehe nicht mehr annimmt und das Weite sucht. Für die Kitze wäre das wahrscheinlich schon das Ende ihres jungen Lebens. 

Das ist unter anderem ein Grund, warum mein Hund in dieser Zeit an der Leine bleibt. Ich weiß einfach nicht, wo gerade ein Reh liegt. Außerdem sind die Jungtiere nicht kräftig und schnell genug, um zu flüchten. Deshalb heißt es für mich, Rücksicht nehmen. Aufpassen. Auf den Wegen bleiben. 

Bitte nicht helfen.

Wie bereits erwähnt: Die Jungtiere sind nicht schnell und auf keinen Fall kräftig. Sie fliehen oft nicht vor Gefahren und bleiben genau dort liegen, wo das Muttertier sie abgelegt haben. Findet man nun eines dieser Jungtiere, hat es nicht selten den Anschein, als wären sie einsam, hilflos und verlassen. Allerdings stimmt genau das in den meisten Fällen nicht. Meistens sind die Eltern in der Nähe. Oder die Tiere wurden mit Absicht allein gelassen, wie es bei den Rehen und den Hasen der Fall ist. In diesen Fällen kommen die mütterlichen Tiere später zurück, um ihren Nachwuchs zu säugen. 

Solltet Ihr einmal ein Jungtier finden, fasst es bitte auf keinen Fall an. Niemals. Hat das Jungtier einmal den menschlichen Geruch angenommen, werden sie häufig von den Müttern verstoßen. Dieser Umstand kann für das Jungtier den Tod bedeuten. Darüber hinaus, auch wenn es seltsam klingen mag, hat das Jungtier den menschlichen Geruch angenommen, fällt es dem Raubwild leichter diese zu finden, denn die Jungtiere sind oft in den ersten Lebensmonaten geruchlos.

Falls ihr also den Jungtieren helfen wollt, macht am besten gar nichts. Lasst der Natur ihren Lauf. Und falls Ihr doch Zweifel habt und ein verletztes oder verlassenes Jungtier findet, kontaktiert die entsprechende Jagdbehörde oder die zuständige, jagdausübungsberechtigte Person. Gemäß dem Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) ist es generell verboten, Tiere der besonders geschützten Arten der Natur zu entnehmen. Auch wenn es nach § 45 (5) BNatSchG zulässig ist, kranke oder verletzte Tiere vorübergehend aufzunehmen um sie gesund zu pflegen, solltet Ihr vorab immer eine fachkundige Person informieren. 

Warum muss der Hund an die Leine?

Andor kommt an die Leine. Und das aus gutem Grund. Als freilaufender Hund ist er eine enorme Gefahr für die Jungtiere. Ich hatte ja bereits erwähnt, dass diese weder kräftig noch schnell genug sind, um zu fliehen. Dementsprechend kann es gut sein, dass mein Hund die Jungtiere tödlich verletzt. Und das, obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass ich meinen Hund sehr gut abrufen kann, kann ich etwas anderes nicht garantieren. Selbst die Hunde, von denen man denkt, dass sie harmlos sind, stellen eine Gefahr da. 

Übrigens: Für Katzen gibt es hier, in Deutschland, keine gesonderte Regelung zur Brut- und Setzzeit. Allerdings ist es tatsächlich so, dass freilaufende Katzen erhebliche Auswirkungen auf die Vogelwelt ausüben. Millionen von Kleinsäugern und Vögeln werden in jedem Jahr zu Opfern der herumstreunenden Tiere. Es wäre daher schön, würde man die geliebten Stubentiger, während der Brut- und Setzzeit im Haus lassen. Sollte das nicht möglich sein, ist den Kleinsäugern und Vögeln damit geholfen, dass ihr Euren Katzen eine kleine Glocke um den Hals hängt. Das verhindert das lautlose Anschleichen und minimiert den Jagderfolg. 

Natürlich kann ich Dich nicht zwingen, Deinen Hund an die Leine zu nehmen. Ich möchte Dich aber darum bitten. Nicht, weil es das Gesetz verlangt, sondern weil Du damit Deinen Teil dazu beitragen kannst, das heimische Wild zu schützen. Den Hund während der Brut- und Setzzeit an die Leine zu nehmen ist tatsächlich gelebte Tierliebe, Artenschutz und ein Zeichen dafür, dass Dir die Natur nicht ganz egal ist.  

  

 

Hochsitz

Ein Hochsitz. Mitten im Wald. Im Herbst. Umgeben von goldbraunem Herbstlaub, dass in der Abendsonne zu glänzen beginnt. Der letzte Duft des Sommers liegt noch in der Luft, während die erste Kühle des Herbstes langsam durch den Wald weht. Wie verlockend es doch wäre, von diesem Hochsitz aus, in den frühen Abendstunden, das Wild zu beobachten.

Ehrlich gesagt, als Kind habe ich mir nie wirklich Gedanken über einen Hochsitz gemacht. Sie waren einfach da. Mitten auf dem Feld oder am Rand des Waldes. Meistens waren sie offen und es war stets ein leichtes, auf ihnen Platz zu machen. Ärger habe ich dafür nie bekommen. Wahrscheinlich aus dem einfachen Grund, dass es nie wirklich jemand mitbekommen hat. Ich war allein und von Zeugen weit und breit keine Spur.  

Auch Jahre später habe ich mir nie Gedanken gemacht. Jeder Hochsitz war über die Jahre ein gewohnter Teil des gesamten Bildes geworden. Sie gehörten zur Landschaft wie die Bäume, die Flüsse oder die Seen. Sie waren immer da. An manchen Stellen verschwanden sie, an anderen tauchten sie wieder auf. Allerdings wurden sie für mich, im Laufe der Jahre, uninteressant. Auf ihnen herumklettern? Die Zeiten waren längst vorbei. 

Darf ich eigentlich einfach auf einem Hochsitz Platz nehmen?

Hochsitz

Es war im Sommer. August 2019. Der Wald war voller Laub, der an einem heißen Tag kühlenden Schatten spendete. Es war gegen Abend. Eine befreundete Jägerin lud mich ein, von einem Hochsitz aus Damwild zu beobachten. Eine Einladung, die ich nicht abschlagen konnte und erst recht nicht wollte. Auf leisen Sohlen, ohne ein Wort zu verlieren, schlichen wir durch den Wald. Wir achteten auf jeden Schritt, versuchten so gut es uns möglich war, keinen Ast zu brechen und kamen irgendwann an einem Hochsitz an, der den Blick auf eine Lichtung bot. Lautlos stiegen wir die Leiter empor und nahmen Platz. Nun hieß es warten. Warten. Warten. Und nochmal warten.

Zwischendurch wechselten wir ein paar Worte. Im Flüsterton. Gerade hörbar. Ich sagte, dass es schon interessant sei, auf einem Hochsitz zu sitzen und merkte an, dass ich das vielleicht öfter mal tun sollte. Die Jägerin lachte. „Dann hol Dir vorher eine Genehmigung. Du kannst nicht einfach auf einem Hochsitz Platz nehmen. Erlaubt ist das nicht.“ Ich war – zugegeben – etwas erstaunt über diese Antwort. Aber je mehr ich in der Stille darüber nachdachte, desto mehr erschloss sie sich mir. Eigentlich war die Sache klar. 

Ein Hochsitz ist eine jagdliche Einrichtung. Sie sind immer Eigentum der jagdausübungsberechtigten Personen. Sprich der Jagdpächterinnen und Jagdpächter. Sie sind keine öffentlichen Aussichtstürme, die von den Gemeinden, Städten oder anderen touristischen Einrichtungen aufgestellt wurden. Dementsprechend ist das Betreten dieser jagdlichen Einrichtungen verboten und kann unter anderem auch Probleme nach sich ziehen.  

Mehr als nur ein Hochsitz.

Wir hatten Glück. Nach einer guten Stunde des Wartens und fast der gleichen Zeit des Schweigens zeigte sich das Damwild. Er äste auf der Lichtung und verschwand nach einiger Zeit wieder. Wir taten es ihm gleich und verließen den Hochsitz. Auf dem Weg zum Auto sprachen wir wieder in normaler Lautstärke.  

Ich erfuhr einiges zu diesem Thema. Ein Hochsitz gehört zu den Ansitzeinrichtungen, die der Jägerin oder dem Jäger bei der Ausübung der Jagd als Ansitzplatz dienen. Je nach Art und Weise, wie sie errichtet wurden, bieten sie nicht nur Schutz vor der Witterung, sondern auch zusätzliche Deckung. Es gibt Leitersitze, Hochsitze, Kanzeln, Klettersitze und Drückjagdböcke. Vielleicht auch noch mehr, allerdings habe ich diese nicht mehr im Gedächtnis. 

Diese jagdlichen Einrichtungen ermöglichen ein sicheres Erkennen und Ansprechen des Wildes. Mit „Ansprechen“ ist das Beurteilen der Tiere gemeint. Der Hochsitz bietet darüber hinaus den Vorteil, dass durch seine erhöhte Form die Flugbahn der Kugel einen spitzeren Winkel hat. Der Erdboden unterhalb des Hochsitzes dient somit als natürlicher Kugelfang, falls die Geschosse ihr Ziel verfehlen. Ein weiterer Vorteil ist, dass bei einigen dieser jagdlichen Einrichtungen die jagdausübende Person über dem Wind sitzt und der Geruch dieser Person vom Wild nicht mehr wahrgenommen wird.  

Der Hochsitz – zum fotografieren ungeeignet.

Das Erlebnis, von oben das Damwild ungestört zu beobachten, war schon großartig. Das gebe ich zu. Und ich bin wirklich dankbar, dieses Erlebnis erlebt haben zu dürfen. Allerdings – aus meiner persönlichen, fotografischen Meinung heraus – bin ich als Fotograf nicht daran interessiert, auf einem Hochsitz Platz zu nehmen. Der Winkel, aus dem heraus ich das Wild fotografieren kann, ist von dort nicht wirklich schön. Falls also jemand aus diesem Motiv heraus eine jagdliche Einrichtung besteigen möchte, sollte sich noch mal darüber Gedanken machen, ob ein Foto aus Bodennähe nicht vielleicht doch die schönere Variante ist. 

  

Jagdhunde

Jagdhunde. Für Jägerinnen und Jäger sind sie oft ein wichtiges Werkzeug bei der Ausübung ihrer Tätigkeit. Tatsächlich sind sie aber viel mehr als nur ein Werkzeug. Berufsjäger z.B. verbringen viel Zeit alleine auf weiter Flur oder im tiefen Wald. Die Jagdhunde sind daher oft die einzige Gesellschaft und daher treue Begleiter und Freunde fürs Leben.      

Ich bin kein Jäger. Trotzdem habe ich einen Jagdhund an meiner Seite. Einen Weimaraner-Rüden. Andor ist sein Name. Manchmal betitele ich ihn aber auch als meinen grauen Schatten, einfach weil er fast immer in meiner Nähe ist. Die Hündin auf dem Foto ist Emma. Emma ist eine Deutsch Kurzhaarhündin. Sie ist fast so alt wie Andor. Sie ist die treue Begleiterin eines Jägers, den ich aus beruflichen Gründen fotografiert habe. In einem anderen Kontext. Auch Emma kam mir an diesem Tag wie ein Schatten vor, denn auch sie wich ihrem Besitzer kaum von der Seite.

Als ich mit dem Jäger, der gleichzeitig Landwirt ist und um die 250 Milchkühe in Weidehaltung hält, über die Felder lief, sprachen wir hin und wieder über die Jagd. Dabei streichelte er einmal über den Kopf seiner Hündin und erwähnte beiläufig, dass die Jagd ohne Hund Schund sei. Ich erkannte damit gleich, dass dieser Jäger den Grundgedanken der waid- und tierschutzgerechten Jagt verinnerlicht hatte. Denn diese wäre ohne Jagdhunde einfach nicht möglich. 

Keine waidgerechte Jagd ohne Jagdhunde

Das macht auch Sinn, denn Jagdhunde sind für die Ausübung einer waidgerechten Jagdausübung zwingend erforderlich. Manchmal kommt es vor, dass ein Tier bei der Jagd angeschossen oder durch einen Unfall im Straßenverkehr verletzt wird. Dann flüchtet das Tier und die Aufgabe des Jägers bzw. der Jägerin ist es, dieses verletzte Tier zur Strecke zu bringen. Die Sinne eines Menschen reichen allerdings nicht aus, um dieses Wild zu finden. Hier beginnt dann (unter anderem) der Einsatz der Jagdhunde. Diese stellen sich mit all ihren Sinnen in den Dienst der Jägerin bzw. des Jägers und spüren das Wild auf. Auf diese Art und weise helfen die vierbeinigen Gefährten dabei, dass angeschweißte bzw. verletzte Tier von seinen Leiden zu erlösen.

Aus diesem Blickwinkel heraus betrachtet ist natürlich klar, dass nur brauchbare und geprüfte Hunde zur Jagd eingesetzt werden dürfen. Und genau deswegen ist die Führung eines zielgerichtet gezüchteten und gut ausgebildeten Jagdhund ein wesentlicher und wichtiger Bestandteil der Jagd. Auch heute noch. Die Hilfe der Jagdhunde ist immer noch unentbehrlich.

Nun gut. Im Gegensatz zu Emma ist mein Hund, Andor, weder ausgebildet noch geprüft. Er ist ein Weimaraner. Ein Jagdhund. Ein Vorstehhund. Das bedeutet, dass er ein Hund ist, der gerne arbeiten will. Und das muss er auch. Schon früh habe ich verstanden, dass ich ihn auslasten muss, damit er am Abend zufrieden und müde einschlafen kann. Lange Spaziergänge, Kopf- und Sucharbeit waren daher die letzten Jahre wichtige Bestandteile des Tages. Manchmal hat es nicht so geklappt, wie ich es mir vorgestellt habe, was mir dann mit intensiven Blicken quittiert wurde. Ehrlich gesagt, manchmal hab ich mich schon gefragt, wer eigentlich der Chef im Hause ist. Natürlich mit einem lachenden Auge.    

So viele Jagdhunde

Jagdhunde gibt es viele. Es gibt Vorstehhunde, Schweißhunde, Bracken, Stöberhunde, Teckel, Terrier und Apportierhunde. Und jede Art hat ihre Stärken und Schwächen. Ich persönlich finde, dass Jagdhunde ein unfassbar spannendes und interessantes Thema sind. Deswegen möchte ich mich zukünftig auch intensiver mit ihnen und ihren Eigenschaften beschäftigen.

Ich möchte gerne Züchterinnen und Züchter kennenlernen, Jägerinnen und Jäger mit ihren Hunden fotografieren und immer mal wieder auf die Tiere, ihre Besonderheiten und Eigenheiten eingehen. Ich glaube ja, dass das Gut werden könnte.   

Waidmannsheil. Der gebräuchlicher Gruß unter Jägerinnen und Jägern. Die Antwort auf diesen Gruß? Waidmannsdank. Jedenfalls dann, wenn etwas erlegt wurde. Ist das nicht der Fall, lautet die Antwort schlicht und ergreifend ebenfalls Waidmannsheil. Und nach der Jagd? Da wird angestoßen. Mit dem Becher in der linken Hand.       

Es ist ein wunderschöner Abend im Juli. Zwanzigzwanzig. Hinter dem Hain geht die Sonne unter und taucht die Wiese, die vor dem kleinen Wäldchen liegt, in ein wunderschönes Licht. Am Rande dieser Wiese, vor dem Wäldchen, steht ein Hochsitz. Gezimmert aus massivem Eichenholz. Nicht besonders, aber trotzdem schön. Ich selbst sitze auf einem schmalen Brett und lasse meinen Blick über die Wiese schweifen. Ein Rehbock läuft ganz gemächlich auf den Hochsitz zu. Ob ich abdrücke und das Tier erlege? Nein. Ich bin kein Jäger. Ich habe keinen Jagdschein. Doch die Person neben mir, die an diesem Ort jagdausübungsberechtig ist, dürfte abdrücken. Macht es aber nicht. Aus verschiedenen Gründen. 

Seit gut zwei Stunden sitzen wir stillschweigend nebeneinander. Es fällt kein Wort. Kein Ton. Niemand sagt etwas. Stattdessen blicken wir nichtssagend über die Wiese und warten. Zugegeben. Es klingt langweilig. Ist es aber nicht. Im Gegenteil. Die Stille, die Weite, die untergehende Sonne, die verschiedenen Gerüche und Laute – all das geschieht in einem harmonischen Zusammenspiel und lässt mich die Strapazen und Sorgen des Alltages vergessen. Ich schalte vollkommen ab und komme innerlich zur Ruhe. Und während Christian immer mal wieder durch das Zielfernrohr seiner Waffe blickt, lasse ich meinen Blick durch den Sucher meiner Kamera über das Feld schweifen. Immer noch nichtssagend.  

Waidmannsheil

Waidmannsheil. Wer sagt so etwas?

Der Abend schreitet voran und bringt Dunkelheit mit sich. Irgendwann verlassen wir den Ansitz und schleichen zurück zum Auto. Still. Leise. Christian trägt die ungeladene, geöffnete Waffe mit dem Lauf steil nach oben. Am Auto selbst, das ein ganzes Stück vom Hochsitz entfernt ist, fällt das erste Wort. Wir unterhalten uns über das Revier, die Tiere und die Jagd. Tatsächlich lerne ich gerade eine ganze Menge, als ein anderer Geländewagen über den alten Feldweg fährt. Der Fahrer kurbelt die Scheibe runter. Ein weiterer Jäger. „Waidmannsheil“, sagt er. „Waidmannsheil“, antwortet Christian. Ich lächle leise. „Moin.“ Einfach, weil ich gar nicht weiß, was ich sagen soll und ich keine Ahnung habe, ob ich als Nichtjäger überhaupt Waidmannsheil wünschen darf. 

Waidmannsheil, ist der Gruß, der unter Jägerinnen und Jägern Verwendung findet. Aber ich bin kein Jäger. Ich habe keinen Jagdschein und ehrlich gesagt, aktuell spiele ich nicht mit dem Gedanken diesen zu erwerben. Aus verschiedenen Gründen. Aber nicht, weil ich etwas gegen die Jagd habe. Im Gegenteil. Ich bin, was dieses Thema betrifft, mittlerweile sehr aufgeschlossen und konnte in den vergangenen Jahren einige Vorurteile abarbeiten. Einfach, weil ich mich intensiv damit beschäftigt habe. Womit ich mich aber nicht beschäftigt habe ist, ob ich – als Nichtjäger – Waidmannsheil wünschen darf.   

Naja. Gut. Keine Jägerin und kein Jäger wäre (wahrscheinlich) böse, würde ich ihr oder ihm ein ernst gemeintes Waidmannsheil wünschen. Es wäre ja seltsam, wäre jemand nicht damit einverstanden, dass ich ihm etwas Gutes wünsche. Allerdings kann ich natürlich nicht erwarten, dass ich einen derartigen Wunsch zurückbekomme, schließlich bin ich kein Waidmann, sprich kein Jäger. Und trotzdem frage ich mich manchmal (immer noch) ob ein derartiger Wunsch aus meiner Position heraus richtig ist oder ob es vielleicht albern, wenn nicht sogar anmaßend wirkt. Ehrlich gesagt? Ich weiß es nicht.  

Einfach mal gefragt.

In den letzten Jahren war ich immer mal wieder mit verschiedenen Jägerinnen und Jägern im Gespräch. Einige traf ich bei kleinen Wanderungen im Feld, andere an anderen Orten. Und neben dem üblichen Smalltalk, warf ich immer mal wieder die Frage in den Raum, wer überhaupt Waidmannsheil wünschen darf. Die Antwort war im Grunde genommen immer die Gleiche. Waidmannsheil ist ein Gruß innerhalb der Jägerschaft. Das stand außer Frage.

Aber niemand der Personen, mit denen ich gesprochen hab, hat ein wirkliches Problem damit, wenn auch Nichtjägerinnen oder Nichtjäger diesen Wunsch bzw. diesen Gruß aussprechen. Allerdings reichte mir das nicht. Ich wollte wissen, wie Menschen dazu stehen, die mich persönlich nicht kennen. Also startete ich eine kleine Umfrage in einem Jagdforum innerhalb eines sozialen Netzwerkes

Dort war es ähnlich. 959 Personen waren damit einverstanden, dass Nichtjägerinnen und Nichtjäger ein Waidmannsheil wünschen. Lediglich 35 Personen waren nicht sonderlich damit einverstanden. Und natürlich war es einigen schlichtweg egal, was ich natürlich auch sehr gut verstehen kann.

Abschließend würde ich also einmal behaupten, dass jede Person einer Jägerin oder einem Jäger ein Waidmannsheil wünschen darf. Das Nichtjägerinnen und Nichtjäger allerdings kein Waidmannsheil bzw. ein Waidmannsdank erwarten dürfen, ist sicherlich klar. Und ob man, wenn man sich nicht in jagdlichen Kreisen befindet einer jagdlichen Person ein Waidmannsheil wünschen möchte, bleibt natürlich jedem selbst überlassen.