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Wenn man an Menschen denkt, die zur Jagd gehen, dann fallen einem sofort die typischen Bilder ein: Personen in grün, die mit Waffen auf Hochsitzen verharren und nach Wild Ausschau halten, um dieses zur Strecke zu bringen. Ich durfte einige Jägerinnen und Jäger zur Rehkitzrettung begleiten. Und dort hat sich wieder gezeigt, dass das typische Bild der Jägerschaft nicht mehr, als ein Ausschnitt des Ganzen ist.

Im Westen geht die Sonne unter, als wir uns am verabredeten Treffpunkt zusammenfinden. Das Licht am Horizont verfärbt sich langsam ins orange. Ein warmes Bild in absoluter Stille. Das Zwitschern der Vögel und der Ruf des Kuckucks reihen sich nahtlos in diese Stille ein. Um uns herum liegen Wiesen und Äcker. An den Rändern der Felder stehen Eichen. Vereinzelt Birken. Unweit vom Treffpunkt fließt ein Fluss. Er trägt sein Wasser der untergehenden Sonne entgegen. Nicht mehr lange und sie berührt den Horizont.

Doch an diesem Abend sind wir nicht wegen des Sonnenuntergangs gekommen. Einige der Wiesen sollen gemäht werden und die Jägerinnen und Jäger, mit denen ich unterwegs war, wurden gefragt, ob sie diese Flächen nach Rehkitzen oder eventuellen Gelegen von Bodenbrütern absuchen könnten. Und das konnten sie.   

Rehkitzrettung als Ehrenamt

Die Rehkitzrettung ist für diese Jägerinnen und Jäger ein Ehrenamt. In ihrer Freizeit, früh morgens und bis spät in die Nacht, arbeiten sie eng mit der Landwirtschaft zusammen, um möglichst viele Rehkitze vor dem Mähtod zu bewahren. Damit dieses gelingt, setzten sie hocheffektive Technik ein. 

Eine Drohne mit Wärmebildkamera überfliegt die vorab einprogrammierten Flächen und zeichnet jeden Quadratmeter auf. Während der Pilot das Fluggerät steuert, sucht eine zweite Person, auf einem großen Bildschirm, nach Stellen, die sich aufgrund ihrer Temperatur deutlich vom kälteren Boden unterscheiden. Manchmal können diese Stellen Hasen sein, manchmal Fasane oder eben kleine Rehkitze.

Der Unterschied ist, Hasen rennen davon, Fasane flüchten ebenfalls. Die kleinen Rehkitze allerdings verfügen noch über keinen Fluchtreflex, sie ducken sich und bleiben regungslos im Gras liegen. Und genau das wird, im Fall der Grasernte, oft zum Verhängnis. Die großen Traktoren mit ihren Mähwerken bedeuten für die jungen Tiere oft den sicheren Tod.

Damit genau das nicht geschieht, machen sich die Jägerinnen und Jäger in diesen Tagen immer wieder auf, um die zu mähenden Flächen abzusuchen und die im hohen Gras liegenden Kitze zu bergen. Und das gelingt tatsächlich ziemlich gut. 

Rehkitze im hohen Gras

Während die Sonne untergeht, zieht die Drohne über den Feldern ihre Bahnen. Der Boden ist zu dieser Zeit schon etwas abgekühlt und die Kitze relativ leicht zu erkennen. Tatsächlich spielt das milde bis kühle Wetter den Jägerinnen und Jägern etwas in die Karte. Denn je heißer es ist, desto schwieriger gestaltet sich die Rehkitzrettung. 

Doch an diesem Abend läuft alles wie geschmiert. Die Drohne fliegt, Pilot und Co-Pilot kontrollieren den Flug, die Anderen stehen, mit Abstand zueinander, am Rand und warten auf einen Einsatz. Zum Glück vergebens. Die erste Fläche ist, bis auf einen Hasen, der aufgrund der Geräusche sofort flüchtet, frei.

Eine weitere Fläche steht noch auf dem Plan. Die Technik wird eingepackt, verstaut und gesichert. Der Standort wird gewechselt. Tatsächlich ist an diesem der Flug etwas problematischer. Einige große Eichen stehen in unmittelbarer Nähe zur Wiese. Dieser Teil kann nicht überflogen werden. Aber zum Glück muss das auch nicht so sein. Denn bereits nach wenigen Bahnen haben die Piloten auf dem Bildschirm ein Kitz entdeckt. Ein oder zwei Minuten später finden sie das zweite Tier. Ein voller Erfolg an diesem Abend.

Übrigens: Der Bund fördert die Anschaffung von Drohnen zur Rehkitzrettung. Eingetragene Vereine, zu deren satzungsgemäßen Aufgaben die Pflege und Förderung des Jagdwesens sowie des Tier-, Natur- und Landschaftsschutzes oder die Rettung von Wildtieren gehören, können seit dem 19. März 2021 Fördermittel für die Anschaffung von Drohnen mit Wärmebildkamera bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung beantragen. Anträge auf Teilnahme an der Fördermaßnahme (erste Stufe) können bis zum 1. September 2021 gestellt werden.

Die Drohnenrettung ist ein effizientes Mittel, um wildlebende Tiere vor dem Tod zu bewahren. Mit Hilfe von Wärmebildkameras, die an den Drohnen befestigt sind, können Jungtiere auf Feldern ausfindig gemacht und z.B. vor dem Grasschnitt gerettet werden. So stellt die Drohnenrettung eine Arbeitserleichterung für die Jägerinnen und Jäger da, die früher in mühseliger Arbeit die Flächen abgegangen und abgesucht haben. 

Im April beginnt die Brut- und Setzzeit. Etwas später, im Mai startet die Grasernte und riesige Flächen werden abgemäht. Allerdings fühlen sich in dem hohen Gras, viele Tiere geschützt und sicher. Rehkitze zum Beispiel. Wenn diese nicht rechtzeitig entdeckt werden, dann bedeutet das heranrollende Mähwerk für die Jungtiere oft einen grausamen Tod. Statt zu fliehen, ducken sich die Kitze nämlich und verharren regungslos auf der Stelle.

Jägerinnen und Jägern ist dieser Umstand bewusst und häufig sind sie es, die in Zusammenarbeit mit der Landwirtschaft, Rehkitzrettung betreiben. Gerade im Mai, wenn die Grasernte richtig Fahrt aufnimmt, beginnt für die Jägerschaft daher eine stressige Zeit. In diesen Tagen laufen Teams in den Morgen- oder Abendstunden über die Wiesen, um nach liegenden Jungtieren Ausschau zu halten. Die Unterstützung durch professionelle Drohnen mit hochauflösenden Wärmekameras bietet den Frauen und Männern dabei eine wirkliche Arbeitserleichterung.  

Drohnenrettung Altenoythe

In Altenoythe, dem Ort, in dem ich lebe, haben sich nun mehrere Personen zusammengefunden, die sich ehrenamtlich in ihrer Freizeit für die Rettung von Wildtieren engagieren möchten. Personen, aus den Bereichen der Jagd und der Landwirtschaft. Ziel ist es, langfristig einen Verein zu gründen, der den Landwirten dabei hilft, die abzuerntenden Flächen vor dem ersten Schnitt abzusuchen und die sich auf den Flächen befindlichen Tiere zu bergen. Zu diesem Zweck wurde bereits, aus privaten Mitteln, eine Drohne mit Wärmebildtechnik angeschafft.

Einige, zertifizierte Drohnenpilotinnen und -piloten wurden bereits in die Technik eingewiesen und nach ein paar Übungsflügen konnten die ersten Einsätze besprochen und koordiniert werden. Nach und nach werden nun, die einzelnen Flächen abgesucht und eventuell liegende Tiere und Gelege geborgen bzw. gesichert. Denn neben den Rehkitzen sind es auch die verschiedenen Bodenbrüter, die durch die Mäharbeiten in Gefahr gebracht werden können. Damit dieses vermieden wird, ist ein Zusammenspiel zwischen Jäger- und Landwirtschaft äußerst wichtig. 

Drohnenrettung beginnt früh

Am ersten Morgen ging es früh los. Der Wecker klingelte um vier. Um fünf trafen sich die ersten Personen am Rande einer großen Wiese. Der Pilot packte die Drohne aus und startete sie. Wenige Augenblicke später stand sie sicher über dem hohen Gras. Bereits am Abend zuvor hatte der Pilot die abzufliegende Fläche einprogrammiert, so das ein vollautomatischer Flug absolviert werden konnte.

Der anhaltende Regen der letzten Tage hatte die Wiese aufgeweicht. Das Gras war feucht, der Boden durchnässt. Während der Pilot den Verlauf der Drohne über die Wiese kontrolliert, behält der „Co-Pilot“ den Bildschirm im Blick. Andere Helferinnen und Helfer ziehen sich Gummihandschuhe an. Sollte auf der Fläche ein Kitz gefunden werden, so dienen diese dem Schutz des Tieres. Rehkitze haben keinen Eigengeruch, eine natürliche Schutzfunktion gegen Fressfeinde. Die Gummihandschuhe sorgen dafür, dass diese Funktion nicht zerstört wird, denn das darf auf keinen Fall passieren.

Kurze Zeit später. Der erste weiße Fleck. Allerdings bewegt er sich zu schnell, um ein Kitz sein zu können. Es ist ein kleiner Hase, der durch das hohe Gras läuft. Er zeigt damit eindrucksvoll, dass die Technik funktioniert. Er belegt, dass das Wild mit Hilfe dieser Technik schnell und einfach gefunden werden kann. Auf dieser Wiese allerdings befindet sich kein Kitz und auch eventuelle Gelege konnten nicht ausgemacht werden. Mit einem ruhigen Gewissen und vollkommener Zufriedenheit kann der Landwirt an dieser Stelle mit der Ernte beginnen, während die Jägerinnen und Jäger mit ihrer Drohne zum nächsten Feld ziehen.

Lt. der deutschen Wildtierstiftung werden in Deutschland während der Grasernte, der Mahd, ca. 90.000 Rehkitze jährlich getötet. Aber auch andere Wildtiere, wie z.B. Junghasen oder Bodenbrüter fallen der Ernte zum Opfer. Um dieses zu verhindern, ist die Zusammenarbeit von Landwirten, Jägern und Helfern gefragt. Landwirte setzten oft am Tag vor der Mahd Vergrämungsmethoden, wie z.B. das Aufhängen von Plastiktüten ein. Das Befliegen der Fläche mit einem Multikopter bzw. einer Drohne und einer Wärmebildkamera führt dazu, dass Helferinnen und Helfer direkt zum gefunden Tier gelotst werden können.   

Artenschutz und Jagd. Diese zwei Bereiche sind untrennbar miteinander verbunden. Das wurde mir, als Nichtjäger, ziemlich schnell klar, als ich begann, mich mit den beiden Themenbereichen auseinanderzusetzen. Genauso schnell stieß ich auf den Fakt, dass seit Inkrafttreten des Bundesjagdgesetzes im Jahre 1952 kein Tier, das dem deutschen Jagdrecht unterliegt, ausgestorben ist. 

Seeadler sind majestätische Tiere. Sie in freier Wildbahn erleben zu dürfen, gleicht einem Geschenk. Besonders wenn man bedenkt, dass sie im letzten Jahrhundert lange vom Aussterben bedroht waren. Unter anderem Jägerinnen und Jäger haben in den vergangenen Jahrzehnten einen beachtlichen, finanziellen Beitrag in den Artenschutz dieser Tiere investiert. Und durch viele regionale Hegemaßnahmen, konnten sich die Bestände der Seeadler wieder erholen, was letzten Endes dazu führte, dass diese Tiere von der Liste der bedrohten Tierarten genommen werden konnte. 

In Anbetracht dessen, kann sich sicherlich jeder einigermaßen gut vorstellen, wie überrascht ich war, als ich vor einiger Zeit ein Seeadlerpärchen in einem Baum entdeckte. Zu jenem Zeitpunkt glaubte ich, unfassbares Glück zu haben, da ich davon ausging, die Tiere wären lediglich auf der Durchreise. Doch als ich vor einigen Wochen wiederholt einen der Seeadler am Himmel kreisen sehen konnte, kam in mir der Verdacht auf, die Tiere könnten sich hier, irgendwo, angesiedelt haben. 

Einige Tage später erzählte ich einem mir bekannten Jäger von der Sichtung. Einem Jäger, dessen Revier sich genau dort befindet, wo ich die Seeadler beobachten konnte. Im Gegensatz zu mir, war er nicht sonderlich überrascht. Er wusste längst, dass die Seeadler zurückgekommen und hier irgendwo heimisch geworden sind. 

Artenschutz und Jagd

Der Seeadler gehört, nach §2 Punkt 4 des Bundesjagdgesetz, zu den Tieren, die in Deutschland dem Jagdrecht unterliegen. Allerdings genießt er, wie z.B. der Fischotter, der Schneehase oder auch der Graureiher eine ganzjährige Schonzeit. Unter dem Begriff Schonzeit verstehen Jägerinnen und Jäger die Zeit im Jahr, in der bestimmte Wildarten nicht bejagt werden dürfen. Im Grunde genommen kann man sagen, dass die Schonzeit regelmäßig mindestens die Zeit umfasst, die für die Geburt und die Aufzucht der Jungtiere gebraucht wird. Oft fällt auch die Paarungszeit in die Schonzeit. Allerdings gilt sie nicht zwingend für beide Elternteile. So darf zum Beispiel beim Rehwild der Rehbock bereits bejagt werden, während die Ricke, das weibliche Tier, das oder die Jungtiere aufzieht. 

Genießt ein Tier ganzjährig Schonzeit bedeutet das nichts anderes, als das dieses Tier an keinem Tag im Jahr bejagt werden darf. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, könnte nun natürlich der Verdacht aufkommen, dass die Tiere, die eine ganzjährige Schonzeit genießen für die Jägerinnen und Jäger gänzlich uninteressant und nicht wirklich beachtenswert sind. Aber dieser Verdacht ist in den meisten Fällen vollkommen falsch.  

Tatsächlich sind Artenschutz und Jagd fest miteinander verbunden, denn ohne eine intakte und artenreiche Natur ist die Jagd nicht möglich. Darüber hinaus sind Jäger dazu verpflichtet, artenreiche und auch gesunde Wildbestände zu erhalten. Das bedeutet, dass auch wenn Seeadler, Fischotter oder Graureiher nicht bejagt werden dürfen und ganzjährig unter Schutz stehen, ist es die Pflicht der Jägerinnen und Jäger für den Erhalt und die Pflege dieser Tiere zu sorgen. 

Verankert ist dieses im 1. Paragraphen des Bundesjagdgesetzes. Dort heißt es: Mit dem Jagdrecht ist die Pflicht zur Hege verbunden. Unter dem Begriff Hege sind alle Maßnahmen zusammengefasst, die zur Sicherung und Pflege der Lebensgrundlage unserer Wildtiere beitragen. Dementsprechend setzt der Begriff „Hege“ natürlich den respektvollen Umgang mit den Tieren, als auch mit allen verschiedenen Gattungen voraus. Allerdings ist das Thema „Hege“ insgesamt etwas umfangreicher, dass ich an anderer Stelle ausführlicher darauf eingehen werde.

Um die Hege im Revier gewährleisten zu können, müssen Jägerinnen und Jäger demnach einiges tun. So legen sie z.B. Wildäcker an, schaffen Wildäsungsflächen, verbessern Biotope, pflanzen Hecken, renaturieren Bachläufe, richten spezielle Ruhezonen für das Wild ein und verstärken die Schutzzonen, in denen das Wild Deckung finden kann. Diese Maßnahmen kommen dann langfristig nicht nur dem jagdbaren Wild zugute. Auch das Wild, das nicht bejagt wird, Insekten und auch Pflanzen profitieren von diesen Arbeiten. Und sie belegen, dass Artenschutz und Jagd hierzulande untrennbar miteinander verbunden sind. Jägerinnen und Jäger leisten einen wichtigen Beitrag zum Natur- und Artenschutz. Und dieses lässt sich, in etwa, auch in Zahlen darlegen.  

Artenschutz kostet Geld

Artenschutz kostet Geld. Die verschiedenen Maßnahmen in den einzelnen Revieren ebenfalls. Und dieses Geld, welches für die Natur- und Artenschutzmaßnahmen in den Revieren kommt, fließt meist aus den Taschen der Jägerinnen und Jäger. Eine Mitgliederbefragung des DJV aus dem Jahre 2016 ergab, dass jede Jägerin und jeder Jäger im Jahr durchschnittlich 220 Euro für die Biotoppflege bzw. den Natur- und Artenschutz im eigenen Revier ausgibt. Betrachtet man diese Zahl und geht dabei ungefähr von 400.000 Jagenden in Deutschland aus, kommt man auf eine Summe von etwa 88 Millionen Euro. 88 Millionen Euro, die jährlich von Jägerinnen und Jägern für den Naturschutz und artenerhaltende Maßnahmen ausgegeben wird. Diese Summe zeigt, dass Artenschutz und Jagd wirklich sehr stark miteinander verbunden sind.   

Heute gehe ich mit anderen Augen durch die Natur. Ich achte auf die Feinheiten. Und neben den Ansitzen, Kanzeln und Hochsitzen entdecke ich immer wieder die Spuren, die Jägerinnen und Jäger hinterlassen haben. Kleine Hecken, Ruhezonen, Wildäsungsflächen. In den Frühlings- und Sommermonaten sehe ich an den Randstreifen der Ackerflächen blühende Pflanzen, auf denen sich Bienen, Hummeln und andere Insekten tummeln. Insekten, die wiederum für verschiedene Vögel Nahrung bieten. Ich sehe Maßnahmen, die von Menschen ergriffen wurden um kleine, artenreiche und vielfältige Naturlandschaften inmitten unserer Kulturlandschaft zu erhalten.   

Artenschutz und Jagd sind miteinander verbunden. Hierzulande untrennbar. Auch wenn der Abschuss ein Teil der Jagd ist, ist er verglichen mit den vielen Arbeiten und Aufgaben, die mit der Jagd einhergehen, nur ein geringer Teil. Und selbst hier basiert die Jagd auf dem Prinzip der Nachhaltigkeit: Es werden nur so viele Tiere entnommen, wie langfristig nachkommen. Auch diese Tatsache ist durch das Bundesjagdgesetz geregelt und es zeigt, dass die Jagd wichtig ist.    

Eine Frage, hat mich persönlich, in den letzten zwei Jahren immer wieder beschäftigt: Ist die Jagd wichtig? Ist die Jagd überhaupt noch zeitgemäß? Oder ist die Jagd vielleicht nur ein Hobby für wohlhabende Gewehrliebhaberinnen und Gewehrliebhaber, die sich in ihrer Freizeit auf die Hochsitze begeben oder durchs Unterholz schleichen, nur um gnadenlos Rehe abzuschießen?      

Ich bin in einer landwirtschaftlich geprägten Region aufgewachsen. Im Oldenburger Münsterland. Hinter dem Hof meiner Eltern gab es viel Land und nur wenige Häuser. Stattdessen Ackerflächen. Wiesen. Hier und da ein paar Bäume. Große Wälder gab es nicht. Vereinzelt mal kleine Baumgruppen. Wenn im Herbst das Laub von den Bäumen fiel, gab es in jedem Jahr ein paar Tage, an denen meine Mutter es mir nicht gestattete, auf den Äckern und Wiesen zu spielen. An diesen Tagen zogen die Jäger über das Feld. Die Jagd hatte begonnen und für meine Mutter war es wichtig, dass ich an diesen Tagen auf dem Hof blieb. 

Natürlich verstand ich genau, warum ich nicht auf den Wiesen und Ackerflächen spielen durfte. Während der Jagd wurde geschossen. Und ein Treffer hätte tödliche Folgen haben können. Trotzdem fand ich diese Tage immer besonders beklemmend. Wenn die Jäger übers Feld zogen, an Jägerinnen kann ich mich zu der Zeit nicht erinnern, hatte ich stets ein ungutes, mulmiges Gefühl, welches ich seinerzeit ungefiltert auf die Jagd übertragen habe. Jagen bedeutete für mich stets Gefahr, Gewehrkugeln und Tod. Eine andere Definition gab es nicht. 

Ist die Jagd überhaupt wichtig?

Mein Großvater war kein Jäger. Mein Vater ebenfalls nicht. Dementsprechend wurde ich nie jagdlich geprägt. Es gab kaum Berührungspunkte mit diesem Thema. Bis auf diese Tage im Herbst. Und diese wenigen Tage sorgten dafür, dass ich mir selbst ein Bild zeichnete, welches Jägerinnen und Jäger in keinem guten Licht stehen ließ. Tatsächlich war ich, was das Jagen betrifft, skeptisch und dem Ganzen eher negativ gegenüber eingestellt. 

Jägerinnen und Jäger bezeichnen sich gerne als naturverbunden. Als Menschen, die Artenschutz betreiben und die Umwelt schützen. Eine Sache, über die ich lange schmunzeln musste. Wie können Menschen mit dem Gewehr eine Art erhalten? Wie kann durch den Abschuss eines Tieres die Natur geschützt werden? Und stimmt das überhaupt, was die Frauen und Männer in grün da erzählen? Ist die Jagd wichtig? Oder ist jede jagdliche Handlung nicht mehr als der Griff in ein System, welches sich von Natur aus eigentlich selbst sehr gut regulieren kann?

In dem Kreis meiner Bekanntschaften gibt es viele Menschen mit unterschiedlichen Meinungen diesbezüglich. Es gibt jagdlich interessierte Personen, Personen, die vegan leben und Personen mit Ansichten, die irgendwo dazwischenliegen. Wenn ich mich also mit diesen Personen unterhalte, bekomme ich ganz unterschiedliche Sichtweisen. Und das eine dieser Meinungen, dieser Sichtweisen, falsch ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Was ich aber tun kann ist, mit allen zu sprechen, mir ihre Argumente anhören, Fakten betrachten und mir dann selbst eine eigene Meinung bilden. Und genau das habe ich getan. Weil es mich wirklich interessiert hat. 

Die Natur kann sich selbst regulieren!

Zunächst einmal glaube ich daran, dass sich jede Naturlandschaft selbst regulieren kann. In einer derartigen Landschaft funktioniert es, dass alle Tier- und Pflanzenarten in einer notwendigen Populationsgröße überleben können. Ich glaube daran, dass sich immer wieder ein Gleichgewicht einstellen würde, auch wenn dieses Gleichgewicht das Verschwinden schwächerer bzw. sensibler Tierarten bedeuten müsse.

Allerdings ist eine Naturlandschaft eine Landschaft ohne Kultur. Genauer gesagt ist eine Naturlandschaft nichts anderes als Wildnis. In Deutschland beträgt die Gesamtfläche der Wildnis gerade mal 0,6 Prozent der Fläche des gesamten Landes. Die restliche Fläche ist entweder städtisch oder landwirtschaftlich geprägt. Das bedeutet, dass wir zum größten Teil in einer Kulturlandschaft leben. Wir leben in einer Landschaft, die durch Verkehr, Industrie, Landwirtschaft und somit durch unseren gesamten Lebensstil geformt wurde. Wir leben in einer Landschaft, von der wir alle profitieren. Egal, ob wir jagdlich interessiert sind oder vegan leben.

Diese Kulturlandschaft hat die Naturlandschaft abgelöst. Eine natürliche Regulierung, in der alle Tier- und Pflanzenarten in einer notwendigen Populationsgröße überleben können, funktioniert nicht mehr. Tatsächlich war und ist es der Mensch, der dieses natürliche Gleichgewicht durcheinandergebracht hat. Durch wirtschaftliche Interessen aber auch durch sportliche Aktivitäten und der Sehnsucht nach Erholung greift er immer wieder in die Natur ein. Durch dieses Eingreifen werden Tierarten bedroht, während andere Arten überhandnehmen und ökologische als auch ökonomische Schäden verursachen. 

Die natürlichen Regulationsmechanismen, die eigentlich zwischen Beutegreifern und Beutetieren bestehen, existieren nicht mehr wirklich. Das Schalenwild zum Beispiel hat kaum noch natürliche Feinde. Zwar hat sich der Wolf an manchen Stellen wieder angesiedelt, doch auch hier sind – in unserer Kulturlandschaft – Konflikte langfristig vorprogrammiert. Gerade die Weidewirtschaft und die Freilandhaltung wird durch die Anwesenheit des Wolfes beeinträchtigt. Doch das ist ein eigenes Thema, dem ich an anderer Stelle etwas mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen möchte. Nur so viel möchte ich sagen: Ich bin kein Gegner des Wolfes. Ich mag dieses Tier. Doch glaube ich einfach, dass eine unkontrollierte Ausbreitung in unserer Landschaft nicht funktionieren kann.

Jagd bedeutet mehr als Abschuss.

Mein Bild der Jägerschaft beruhte lange Zeit auf jenem, welches ich mir als Kind gezeichnet hatte. Männer in grün, die im Herbst über Äcker und Wiesen gehen. Männer, die über Land ziehen, um Wild zu erlegen. Nie habe ich mir die Mühe gemacht, dieses Bild, mein Bild, selbstkritisch zu hinterfragen. Erst ab dem Moment, ab dem ich mich mit der Naturfotografie befasst habe und dadurch intensiver mit Jägerinnen und Jägern ins Gespräch kam, veränderte es sich. Ich bekam Einblicke in die Arbeit, die mit der Jagd einher geht und stellte fest, dass sich gute Jägerinnen und Jäger immer in den Momenten auszeichnen, in denen ihr Finger gerade bleibt. Nur leider werden diese Momente selten nach außen transportiert. 

Ich sah, wie Wildäcker, Hecken und Biotope angelegt oder Müllsammelaktionen durchgeführt wurden. Nistkästen wurden aufgehängt und Blühstreifen an den Rändern der Maisackerflächen bepflanzt, die nicht nur dem jagdbaren Wild, sondern der gesamten biologischen Vielfalt zugute kamen. Die Jägerinnen und Jäger machten sich Gedanken darüber, wie sie das Wild vor dem Tod im Straßenverkehr effektiver schützen können und wie die Anzahl der getöteten Kitze bei der Grasernte minimiert werden kann. Ich traf Jägerinnen und Jäger, die sich Urlaub nahmen, Kontakt mit den Landwirten der Region aufnahmen und dafür sorgten, dass diese den ersten Grasschnitt in der Nacht durchführten. Einfach, weil bei den niedrigeren, nächtlichen Temperaturen die kleinen Kitze in den Wärmebildkameras der Drohnen leichter zu sehen waren.

Die Jägerinnen und Jäger, die ich in der letzten Zeit kennenlernen durfte, haben mich durch ihr Wissen über die Natur, die Zusammenhänge und die Fachkenntnis über die Tier- und Pflanzenwelt stark beeindruckt. Viele meiner Argumente, die ich für richtig hielt, haben sie mit Ruhe und Sachverstand widerlegt und mir ihre Argumente nähergebracht, die für mich dann tatsächlich sinnvoll und richtig erschienen. Auch das Argument, dass sich die Natur in der Kulturlandschaft nicht alleine regulieren kann, machte für mich, bei näherer Betrachtung Sinn. Was für mich diesbezüglich wirklich wichtig war, war zu verstehen, dass der romantische Blickwinkel, den ich auf die ganze Sache hatte, mit der Realität leider nicht vereinbar war. 

Die Jagd ist wichtig.

Natürlich möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass es unter den Personen, die ich kennengelernt habe, auch Menschen gab, denen es nur um den Abschuss ging. Menschen, denen die Hege und die Pflege des Wildes und der Natur nicht sonderlich wichtig erscheint. Aber von diesen einzelnen Personen einen Rückschluss auf die gesamte Jägerschaft zu schließen ist genauso falsch, wie aufgrund einiger militanter Tierschützer die gesamte Tier- und Naturschutzbewegung zu verurteilen. Ich persönlich glaube, dass die Erhaltung, die Pflege und der Schutz der Tier- und Pflanzenwelt nur auf einem gesunden Mittelmaß möglich ist.

Abschließend möchte ich sagen, dass sich meine Meinung über die Jagd in den letzten Jahren, in denen ich mich intensiv mit der Thematik beschäftigt habe, sich wirklich verändert hat. Der Gedanke, dass Jägerinnen und Jäger nur Menschen sind, die sich es zur Aufgabe gemacht haben, ausschließlich Wild zu erlegen, existiert nicht mehr. 

Ich weiß heute, dass Jagd mehr ist als der pure Abschuss. Viel mehr bin ich davon überzeugt, dass die Jagd im Ganzen betrachtet, die Voraussetzung dafür ist, dass wir die Artenvielfalt in unserer Kulturlandschaft überhaupt erhalten können. Ich habe begriffen, dass die Jägerinnen und Jäger reguliert durch die Gesetze der Jagd in diverse Vorgänge eingreifen, die in einer wirklichen Naturlandschaft, von der wir leider nicht mehr zu viel haben, von selbst ablaufen können. 

Die Tatsache, dass wir in einer Landschaft leben, die durch Verkehr, Industrie und auch durch die Landwirtschaft geprägt ist, trägt dazu bei, dass wir es letzten Endes sind, die die Artenvielfalt in der gesamten Natur gefährden. Erst wenn wir damit beginnen, der Natur wieder ihren ursprünglichen, unberührten Raum zu geben, können wir darüber nachdenken, ob die Jagd überhaupt noch zeitgemäß ist. Aber bis wir diesen Zustand erreicht haben, müssen Jägerinnen und Jäger in die natürlichen Vorgänge eingreifen, um die Artenvielfalt wirklich langfristig erhalten zu können.