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Wenn man an Menschen denkt, die zur Jagd gehen, dann fallen einem sofort die typischen Bilder ein: Personen in grün, die mit Waffen auf Hochsitzen verharren und nach Wild Ausschau halten, um dieses zur Strecke zu bringen. Ich durfte einige Jägerinnen und Jäger zur Rehkitzrettung begleiten. Und dort hat sich wieder gezeigt, dass das typische Bild der Jägerschaft nicht mehr, als ein Ausschnitt des Ganzen ist.

Im Westen geht die Sonne unter, als wir uns am verabredeten Treffpunkt zusammenfinden. Das Licht am Horizont verfärbt sich langsam ins orange. Ein warmes Bild in absoluter Stille. Das Zwitschern der Vögel und der Ruf des Kuckucks reihen sich nahtlos in diese Stille ein. Um uns herum liegen Wiesen und Äcker. An den Rändern der Felder stehen Eichen. Vereinzelt Birken. Unweit vom Treffpunkt fließt ein Fluss. Er trägt sein Wasser der untergehenden Sonne entgegen. Nicht mehr lange und sie berührt den Horizont.

Doch an diesem Abend sind wir nicht wegen des Sonnenuntergangs gekommen. Einige der Wiesen sollen gemäht werden und die Jägerinnen und Jäger, mit denen ich unterwegs war, wurden gefragt, ob sie diese Flächen nach Rehkitzen oder eventuellen Gelegen von Bodenbrütern absuchen könnten. Und das konnten sie.   

Rehkitzrettung als Ehrenamt

Die Rehkitzrettung ist für diese Jägerinnen und Jäger ein Ehrenamt. In ihrer Freizeit, früh morgens und bis spät in die Nacht, arbeiten sie eng mit der Landwirtschaft zusammen, um möglichst viele Rehkitze vor dem Mähtod zu bewahren. Damit dieses gelingt, setzten sie hocheffektive Technik ein. 

Eine Drohne mit Wärmebildkamera überfliegt die vorab einprogrammierten Flächen und zeichnet jeden Quadratmeter auf. Während der Pilot das Fluggerät steuert, sucht eine zweite Person, auf einem großen Bildschirm, nach Stellen, die sich aufgrund ihrer Temperatur deutlich vom kälteren Boden unterscheiden. Manchmal können diese Stellen Hasen sein, manchmal Fasane oder eben kleine Rehkitze.

Der Unterschied ist, Hasen rennen davon, Fasane flüchten ebenfalls. Die kleinen Rehkitze allerdings verfügen noch über keinen Fluchtreflex, sie ducken sich und bleiben regungslos im Gras liegen. Und genau das wird, im Fall der Grasernte, oft zum Verhängnis. Die großen Traktoren mit ihren Mähwerken bedeuten für die jungen Tiere oft den sicheren Tod.

Damit genau das nicht geschieht, machen sich die Jägerinnen und Jäger in diesen Tagen immer wieder auf, um die zu mähenden Flächen abzusuchen und die im hohen Gras liegenden Kitze zu bergen. Und das gelingt tatsächlich ziemlich gut. 

Rehkitze im hohen Gras

Während die Sonne untergeht, zieht die Drohne über den Feldern ihre Bahnen. Der Boden ist zu dieser Zeit schon etwas abgekühlt und die Kitze relativ leicht zu erkennen. Tatsächlich spielt das milde bis kühle Wetter den Jägerinnen und Jägern etwas in die Karte. Denn je heißer es ist, desto schwieriger gestaltet sich die Rehkitzrettung. 

Doch an diesem Abend läuft alles wie geschmiert. Die Drohne fliegt, Pilot und Co-Pilot kontrollieren den Flug, die Anderen stehen, mit Abstand zueinander, am Rand und warten auf einen Einsatz. Zum Glück vergebens. Die erste Fläche ist, bis auf einen Hasen, der aufgrund der Geräusche sofort flüchtet, frei.

Eine weitere Fläche steht noch auf dem Plan. Die Technik wird eingepackt, verstaut und gesichert. Der Standort wird gewechselt. Tatsächlich ist an diesem der Flug etwas problematischer. Einige große Eichen stehen in unmittelbarer Nähe zur Wiese. Dieser Teil kann nicht überflogen werden. Aber zum Glück muss das auch nicht so sein. Denn bereits nach wenigen Bahnen haben die Piloten auf dem Bildschirm ein Kitz entdeckt. Ein oder zwei Minuten später finden sie das zweite Tier. Ein voller Erfolg an diesem Abend.

Übrigens: Der Bund fördert die Anschaffung von Drohnen zur Rehkitzrettung. Eingetragene Vereine, zu deren satzungsgemäßen Aufgaben die Pflege und Förderung des Jagdwesens sowie des Tier-, Natur- und Landschaftsschutzes oder die Rettung von Wildtieren gehören, können seit dem 19. März 2021 Fördermittel für die Anschaffung von Drohnen mit Wärmebildkamera bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung beantragen. Anträge auf Teilnahme an der Fördermaßnahme (erste Stufe) können bis zum 1. September 2021 gestellt werden.

Die Drohnenrettung ist ein effizientes Mittel, um wildlebende Tiere vor dem Tod zu bewahren. Mit Hilfe von Wärmebildkameras, die an den Drohnen befestigt sind, können Jungtiere auf Feldern ausfindig gemacht und z.B. vor dem Grasschnitt gerettet werden. So stellt die Drohnenrettung eine Arbeitserleichterung für die Jägerinnen und Jäger da, die früher in mühseliger Arbeit die Flächen abgegangen und abgesucht haben. 

Im April beginnt die Brut- und Setzzeit. Etwas später, im Mai startet die Grasernte und riesige Flächen werden abgemäht. Allerdings fühlen sich in dem hohen Gras, viele Tiere geschützt und sicher. Rehkitze zum Beispiel. Wenn diese nicht rechtzeitig entdeckt werden, dann bedeutet das heranrollende Mähwerk für die Jungtiere oft einen grausamen Tod. Statt zu fliehen, ducken sich die Kitze nämlich und verharren regungslos auf der Stelle.

Jägerinnen und Jägern ist dieser Umstand bewusst und häufig sind sie es, die in Zusammenarbeit mit der Landwirtschaft, Rehkitzrettung betreiben. Gerade im Mai, wenn die Grasernte richtig Fahrt aufnimmt, beginnt für die Jägerschaft daher eine stressige Zeit. In diesen Tagen laufen Teams in den Morgen- oder Abendstunden über die Wiesen, um nach liegenden Jungtieren Ausschau zu halten. Die Unterstützung durch professionelle Drohnen mit hochauflösenden Wärmekameras bietet den Frauen und Männern dabei eine wirkliche Arbeitserleichterung.  

Drohnenrettung Altenoythe

In Altenoythe, dem Ort, in dem ich lebe, haben sich nun mehrere Personen zusammengefunden, die sich ehrenamtlich in ihrer Freizeit für die Rettung von Wildtieren engagieren möchten. Personen, aus den Bereichen der Jagd und der Landwirtschaft. Ziel ist es, langfristig einen Verein zu gründen, der den Landwirten dabei hilft, die abzuerntenden Flächen vor dem ersten Schnitt abzusuchen und die sich auf den Flächen befindlichen Tiere zu bergen. Zu diesem Zweck wurde bereits, aus privaten Mitteln, eine Drohne mit Wärmebildtechnik angeschafft.

Einige, zertifizierte Drohnenpilotinnen und -piloten wurden bereits in die Technik eingewiesen und nach ein paar Übungsflügen konnten die ersten Einsätze besprochen und koordiniert werden. Nach und nach werden nun, die einzelnen Flächen abgesucht und eventuell liegende Tiere und Gelege geborgen bzw. gesichert. Denn neben den Rehkitzen sind es auch die verschiedenen Bodenbrüter, die durch die Mäharbeiten in Gefahr gebracht werden können. Damit dieses vermieden wird, ist ein Zusammenspiel zwischen Jäger- und Landwirtschaft äußerst wichtig. 

Drohnenrettung beginnt früh

Am ersten Morgen ging es früh los. Der Wecker klingelte um vier. Um fünf trafen sich die ersten Personen am Rande einer großen Wiese. Der Pilot packte die Drohne aus und startete sie. Wenige Augenblicke später stand sie sicher über dem hohen Gras. Bereits am Abend zuvor hatte der Pilot die abzufliegende Fläche einprogrammiert, so das ein vollautomatischer Flug absolviert werden konnte.

Der anhaltende Regen der letzten Tage hatte die Wiese aufgeweicht. Das Gras war feucht, der Boden durchnässt. Während der Pilot den Verlauf der Drohne über die Wiese kontrolliert, behält der „Co-Pilot“ den Bildschirm im Blick. Andere Helferinnen und Helfer ziehen sich Gummihandschuhe an. Sollte auf der Fläche ein Kitz gefunden werden, so dienen diese dem Schutz des Tieres. Rehkitze haben keinen Eigengeruch, eine natürliche Schutzfunktion gegen Fressfeinde. Die Gummihandschuhe sorgen dafür, dass diese Funktion nicht zerstört wird, denn das darf auf keinen Fall passieren.

Kurze Zeit später. Der erste weiße Fleck. Allerdings bewegt er sich zu schnell, um ein Kitz sein zu können. Es ist ein kleiner Hase, der durch das hohe Gras läuft. Er zeigt damit eindrucksvoll, dass die Technik funktioniert. Er belegt, dass das Wild mit Hilfe dieser Technik schnell und einfach gefunden werden kann. Auf dieser Wiese allerdings befindet sich kein Kitz und auch eventuelle Gelege konnten nicht ausgemacht werden. Mit einem ruhigen Gewissen und vollkommener Zufriedenheit kann der Landwirt an dieser Stelle mit der Ernte beginnen, während die Jägerinnen und Jäger mit ihrer Drohne zum nächsten Feld ziehen.

Lt. der deutschen Wildtierstiftung werden in Deutschland während der Grasernte, der Mahd, ca. 90.000 Rehkitze jährlich getötet. Aber auch andere Wildtiere, wie z.B. Junghasen oder Bodenbrüter fallen der Ernte zum Opfer. Um dieses zu verhindern, ist die Zusammenarbeit von Landwirten, Jägern und Helfern gefragt. Landwirte setzten oft am Tag vor der Mahd Vergrämungsmethoden, wie z.B. das Aufhängen von Plastiktüten ein. Das Befliegen der Fläche mit einem Multikopter bzw. einer Drohne und einer Wärmebildkamera führt dazu, dass Helferinnen und Helfer direkt zum gefunden Tier gelotst werden können.