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Unterwegs im Revier

Unterwegs im Revier

Unterwegs im Revier.  Nach Feierabend. Dann, wenn die Sonne sich langsam auf den Horizont zubewegt und die Zeit langsam Ruhe gewinnt. Genau dann herrscht auf den Wiesen und Feldern, an den Rändern der Wälder und zwischen den hohen Bäumen eine ganz besondere Stimmung. Ich freue mich immer darüber, wenn ich zu dieser Zeit Jägerinnen und Jäger auf ihren Streifzügen durchs Revier begleiten darf.

Es ist kurz nach halb acht. Die meisten Menschen sind schon aus den Büros, den Werkstätten oder von den Baustellen nach Hause gefahren, als der Nissan Navara auf meine Hofeinfahrt dreht. Ein großer 4×4 Pickup, der sehr viel Platz bietet und gerade im Gelände seine Stärken zeigen kann. Doch heute kommt er nicht auf seine Kosten, denn wir fahren über einige Landstraßen in ein mir unbekanntes Revier.

Matthias hatte mich gefragt, ob ich ihn bei einem seiner Streifzüge begleiten möchte. Eine kleine Runde durchs Revier. Ohne wirkliches Ziel, ohne Absichten, einfach nur gehen, gucken, beobachten. Am Ende sind wir gute 8 Km über Felder, Wiesen und durch Wälder gelaufen. Wir sahen Rehe, einen Dachsbau, einen wunderschönen, naturbelassenen Teich und viele verschiedene Eindrücke. Ich habe einiges gelernt, erfahren und bin mir sicher, dass es derartige Erlebnisse sind, die mir dabei helfen, die Jagd und was dazugehört, besser zu verstehen. 

Den Finger gerade lassen..

Wir laufen, nichtssagend und absolut leise, durch ein Getreidefeld. Den Spuren der Traktoren folgend, um nichts im Feld zu zerstören. Plötzlich nimmt Matthias sein Gewehr. Eine Bewegung hat seine Aufmerksamkeit erregt. Mit der Hand zeigt er mir die Richtung, um im nächsten Moment routiniert und vollkommen ruhig sein Ziel anzuvisieren. Ein Rehbock hält sich zwischen den Strohhalmen auf. Als ich genau hinsehe, kann ich nur die Spitzen des Geweihs erkennen. Matthias sagt nichts. Leise geht er weiter. Aber es fällt kein Schuss. Die ganze Zeit nicht. Er lässt den Finger gerade und der Bock springt, nachdem er uns bemerkt hat, ins Unterholz, an dessen Rand auch eine Ricke stand.

Später erfahre ich, dass es ihm nicht darum ging, das Tier zu erlegen. Er wollte lediglich das Tier ansprechen. Und da er kein Fernglas dabeihatte, nutzte er das Zielfernroher, welches sich oberhalb seiner Waffe befand. Das Ansprechen bezeichnet in diesem Fall die Beurteilung des Wildes. Es ist eine Beobachtung und eine Identifizierung. Wenn Jägerinnen oder Jäger Wild ansprechen, bedeutet das nichts anderes, als das die Tierart, das ungefähre Alter, das Geschlecht und eventuelle Krankheiten bzw. Verletzungen des Tieres erkannt werden. 

Dieses Ansprechen ermittelt die Faktoren, die eine Begründung für oder gegen einen Abschuss liefern. Und werden z.B. Krankheiten oder Verletzungen erkannt, können Jägerinnen bzw. Jäger aus Gründen des Tierschutzes einen Abschuss rechtfertigen. Selbst dann, wenn dieser innerhalb der Schonzeit erfolgen würde. 

Unterwegs im Revier

Unterwegs im Revier

Wir sind unterwegs im Revier. Draußen auf den Wiesen und Feldern. Meist abseits der Wege. Unser Weg führt uns durch dichte Baumreihen und durch kniehohes Gras. Wir sprechen über die Jagd, die Beweggründe und über Jagd- und Schonzeiten. Jedes Mal, wenn ich mit einer Jägerin oder einem Jäger unterwegs im Revier bin, bemerke ich, dass jeder leidenschaftliche Jäger bzw. jede leidenschaftliche Jägerin einer Passion verfallen ist. Einer Passion, die deren Einstellung zur Natur, deren Denk- und Herangehensweise, aber auch den Jahres- und Tagesablauf auf eine ganz besondere Art und Weise bestimmt.  

Unterwegs im Revier zu sein, bedeutet mehr, als sich die Natur anzusehen und Zeit in ihr zu verbringen. Es bedeutet für die Jägerinnen und Jäger, sich um das Revier zu kümmern, es zu hegen und zu pflegen und, sofern es möglich ist, die optimalen Bedingungen für die dort lebenden Tiere und Pflanzen zu schaffen. Sie sind sich jederzeit bewusst, dass die Tiere über ein Gefühlsleben verfügen. Sie wissen genau, dass jedes Tier leidensfähige Individuen sind, die Schmerz als auch Trauer empfinden können. 

Wirkliche Jägerinnen und Jäger bemühen sich jederzeit darum, das Wild nicht unnötig zu stören. Sie sind darum bemüht, den Tieren keine Ängste und auch kein Leiden zuzufügen. Ihnen ist der Schutz eines Muttertieres wichtiger als der Jagderfolg oder die Einhaltung der Abschussplanerfüllung.

Wenn man sich wirklich mal mit Jägerinnen und Jägern unterhält, ihnen Raum gibt und ihnen wirklich zuhört, dann kommt man immer mal an den Punkt, an dem man erfährt, dass sie in Situationen kommen, in denen ihnen es nicht leichtfällt den Abschuss zu tätigen. Sie erleben Augenblicke, in denen sie es nicht übers Herz bringen, einem wildlebenden Tier das Leben zu nehmen. Und nicht selten hören sie dann auf ihr Herz und lassen den Finger gerade. 

Verstehen lernen.

Für mich als Nichtjäger sind solche Momente besonders. Momente, in denen ich mich mit Jägerinnen und Jägern unterhalten kann. Das passiert unterwegs im Revier, aber auch in den sozialen Medien, wie z.B. auf Instagram. Natürlich tauchen dort auch immer wieder Fotos von erlegten Tieren auf. Und doch ist es nicht das Erlegen, was die Jagd ausmacht. Und das versteht man nur, wenn man sich intensiv mit der Jagd beschäftigt und mit Menschen spricht, die dieser Passion nachgehen. 

 

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