Waidmannsheil. Der gebräuchlicher Gruß unter Jägerinnen und Jägern. Die Antwort auf diesen Gruß? Waidmannsdank. Jedenfalls dann, wenn etwas erlegt wurde. Ist das nicht der Fall, lautet die Antwort schlicht und ergreifend ebenfalls Waidmannsheil. Und nach der Jagd? Da wird angestoßen. Mit dem Becher in der linken Hand.       

Es ist ein wunderschöner Abend im Juli. Zwanzigzwanzig. Hinter dem Hain geht die Sonne unter und taucht die Wiese, die vor dem kleinen Wäldchen liegt, in ein wunderschönes Licht. Am Rande dieser Wiese, vor dem Wäldchen, steht ein Hochsitz. Gezimmert aus massivem Eichenholz. Nicht besonders, aber trotzdem schön. Ich selbst sitze auf einem schmalen Brett und lasse meinen Blick über die Wiese schweifen. Ein Rehbock läuft ganz gemächlich auf den Hochsitz zu. Ob ich abdrücke und das Tier erlege? Nein. Ich bin kein Jäger. Ich habe keinen Jagdschein. Doch die Person neben mir, die an diesem Ort jagdausübungsberechtig ist, dürfte abdrücken. Macht es aber nicht. Aus verschiedenen Gründen. 

Seit gut zwei Stunden sitzen wir stillschweigend nebeneinander. Es fällt kein Wort. Kein Ton. Niemand sagt etwas. Stattdessen blicken wir nichtssagend über die Wiese und warten. Zugegeben. Es klingt langweilig. Ist es aber nicht. Im Gegenteil. Die Stille, die Weite, die untergehende Sonne, die verschiedenen Gerüche und Laute – all das geschieht in einem harmonischen Zusammenspiel und lässt mich die Strapazen und Sorgen des Alltages vergessen. Ich schalte vollkommen ab und komme innerlich zur Ruhe. Und während Christian immer mal wieder durch das Zielfernrohr seiner Waffe blickt, lasse ich meinen Blick durch den Sucher meiner Kamera über das Feld schweifen. Immer noch nichtssagend.  

Waidmannsheil

Waidmannsheil. Wer sagt so etwas?

Der Abend schreitet voran und bringt Dunkelheit mit sich. Irgendwann verlassen wir den Ansitz und schleichen zurück zum Auto. Still. Leise. Christian trägt die ungeladene, geöffnete Waffe mit dem Lauf steil nach oben. Am Auto selbst, das ein ganzes Stück vom Hochsitz entfernt ist, fällt das erste Wort. Wir unterhalten uns über das Revier, die Tiere und die Jagd. Tatsächlich lerne ich gerade eine ganze Menge, als ein anderer Geländewagen über den alten Feldweg fährt. Der Fahrer kurbelt die Scheibe runter. Ein weiterer Jäger. „Waidmannsheil“, sagt er. „Waidmannsheil“, antwortet Christian. Ich lächle leise. „Moin.“ Einfach, weil ich gar nicht weiß, was ich sagen soll und ich keine Ahnung habe, ob ich als Nichtjäger überhaupt Waidmannsheil wünschen darf. 

Waidmannsheil, ist der Gruß, der unter Jägerinnen und Jägern Verwendung findet. Aber ich bin kein Jäger. Ich habe keinen Jagdschein und ehrlich gesagt, aktuell spiele ich nicht mit dem Gedanken diesen zu erwerben. Aus verschiedenen Gründen. Aber nicht, weil ich etwas gegen die Jagd habe. Im Gegenteil. Ich bin, was dieses Thema betrifft, mittlerweile sehr aufgeschlossen und konnte in den vergangenen Jahren einige Vorurteile abarbeiten. Einfach, weil ich mich intensiv damit beschäftigt habe. Womit ich mich aber nicht beschäftigt habe ist, ob ich – als Nichtjäger – Waidmannsheil wünschen darf.   

Naja. Gut. Keine Jägerin und kein Jäger wäre (wahrscheinlich) böse, würde ich ihr oder ihm ein ernst gemeintes Waidmannsheil wünschen. Es wäre ja seltsam, wäre jemand nicht damit einverstanden, dass ich ihm etwas Gutes wünsche. Allerdings kann ich natürlich nicht erwarten, dass ich einen derartigen Wunsch zurückbekomme, schließlich bin ich kein Waidmann, sprich kein Jäger. Und trotzdem frage ich mich manchmal (immer noch) ob ein derartiger Wunsch aus meiner Position heraus richtig ist oder ob es vielleicht albern, wenn nicht sogar anmaßend wirkt. Ehrlich gesagt? Ich weiß es nicht.  

Einfach mal gefragt.

In den letzten Jahren war ich immer mal wieder mit verschiedenen Jägerinnen und Jägern im Gespräch. Einige traf ich bei kleinen Wanderungen im Feld, andere an anderen Orten. Und neben dem üblichen Smalltalk, warf ich immer mal wieder die Frage in den Raum, wer überhaupt Waidmannsheil wünschen darf. Die Antwort war im Grunde genommen immer die Gleiche. Waidmannsheil ist ein Gruß innerhalb der Jägerschaft. Das stand außer Frage.

Aber niemand der Personen, mit denen ich gesprochen hab, hat ein wirkliches Problem damit, wenn auch Nichtjägerinnen oder Nichtjäger diesen Wunsch bzw. diesen Gruß aussprechen. Allerdings reichte mir das nicht. Ich wollte wissen, wie Menschen dazu stehen, die mich persönlich nicht kennen. Also startete ich eine kleine Umfrage in einem Jagdforum innerhalb eines sozialen Netzwerkes

Dort war es ähnlich. 959 Personen waren damit einverstanden, dass Nichtjägerinnen und Nichtjäger ein Waidmannsheil wünschen. Lediglich 35 Personen waren nicht sonderlich damit einverstanden. Und natürlich war es einigen schlichtweg egal, was ich natürlich auch sehr gut verstehen kann.

Abschließend würde ich also einmal behaupten, dass jede Person einer Jägerin oder einem Jäger ein Waidmannsheil wünschen darf. Das Nichtjägerinnen und Nichtjäger allerdings kein Waidmannsheil bzw. ein Waidmannsdank erwarten dürfen, ist sicherlich klar. Und ob man, wenn man sich nicht in jagdlichen Kreisen befindet einer jagdlichen Person ein Waidmannsheil wünschen möchte, bleibt natürlich jedem selbst überlassen.