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Ist die Jagd noch zeitgemäß?

Ist die Jagd noch zeitgemäß?

Eine Frage, hat mich persönlich, in den letzten zwei Jahren immer wieder beschäftigt: Ist die Jagd wichtig? Ist die Jagd überhaupt noch zeitgemäß? Oder ist die Jagd vielleicht nur ein Hobby für wohlhabende Gewehrliebhaberinnen und Gewehrliebhaber, die sich in ihrer Freizeit auf die Hochsitze begeben oder durchs Unterholz schleichen, nur um gnadenlos Rehe abzuschießen?      

Ich bin in einer landwirtschaftlich geprägten Region aufgewachsen. Im Oldenburger Münsterland. Hinter dem Hof meiner Eltern gab es viel Land und nur wenige Häuser. Stattdessen Ackerflächen. Wiesen. Hier und da ein paar Bäume. Große Wälder gab es nicht. Vereinzelt mal kleine Baumgruppen. Wenn im Herbst das Laub von den Bäumen fiel, gab es in jedem Jahr ein paar Tage, an denen meine Mutter es mir nicht gestattete, auf den Äckern und Wiesen zu spielen. An diesen Tagen zogen die Jäger über das Feld. Die Jagd hatte begonnen und für meine Mutter war es wichtig, dass ich an diesen Tagen auf dem Hof blieb. 

Natürlich verstand ich genau, warum ich nicht auf den Wiesen und Ackerflächen spielen durfte. Während der Jagd wurde geschossen. Und ein Treffer hätte tödliche Folgen haben können. Trotzdem fand ich diese Tage immer besonders beklemmend. Wenn die Jäger übers Feld zogen, an Jägerinnen kann ich mich zu der Zeit nicht erinnern, hatte ich stets ein ungutes, mulmiges Gefühl, welches ich seinerzeit ungefiltert auf die Jagd übertragen habe. Jagen bedeutete für mich stets Gefahr, Gewehrkugeln und Tod. Eine andere Definition gab es nicht. 

Ist die Jagd überhaupt wichtig?

Mein Großvater war kein Jäger. Mein Vater ebenfalls nicht. Dementsprechend wurde ich nie jagdlich geprägt. Es gab kaum Berührungspunkte mit diesem Thema. Bis auf diese Tage im Herbst. Und diese wenigen Tage sorgten dafür, dass ich mir selbst ein Bild zeichnete, welches Jägerinnen und Jäger in keinem guten Licht stehen ließ. Tatsächlich war ich, was das Jagen betrifft, skeptisch und dem Ganzen eher negativ gegenüber eingestellt. 

Jägerinnen und Jäger bezeichnen sich gerne als naturverbunden. Als Menschen, die Artenschutz betreiben und die Umwelt schützen. Eine Sache, über die ich lange schmunzeln musste. Wie können Menschen mit dem Gewehr eine Art erhalten? Wie kann durch den Abschuss eines Tieres die Natur geschützt werden? Und stimmt das überhaupt, was die Frauen und Männer in grün da erzählen? Ist die Jagd wichtig? Oder ist jede jagdliche Handlung nicht mehr als der Griff in ein System, welches sich von Natur aus eigentlich selbst sehr gut regulieren kann?

In dem Kreis meiner Bekanntschaften gibt es viele Menschen mit unterschiedlichen Meinungen diesbezüglich. Es gibt jagdlich interessierte Personen, Personen, die vegan leben und Personen mit Ansichten, die irgendwo dazwischenliegen. Wenn ich mich also mit diesen Personen unterhalte, bekomme ich ganz unterschiedliche Sichtweisen. Und das eine dieser Meinungen, dieser Sichtweisen, falsch ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Was ich aber tun kann ist, mit allen zu sprechen, mir ihre Argumente anhören, Fakten betrachten und mir dann selbst eine eigene Meinung bilden. Und genau das habe ich getan. Weil es mich wirklich interessiert hat. 

Die Natur kann sich selbst regulieren!

Zunächst einmal glaube ich daran, dass sich jede Naturlandschaft selbst regulieren kann. In einer derartigen Landschaft funktioniert es, dass alle Tier- und Pflanzenarten in einer notwendigen Populationsgröße überleben können. Ich glaube daran, dass sich immer wieder ein Gleichgewicht einstellen würde, auch wenn dieses Gleichgewicht das Verschwinden schwächerer bzw. sensibler Tierarten bedeuten müsse.

Allerdings ist eine Naturlandschaft eine Landschaft ohne Kultur. Genauer gesagt ist eine Naturlandschaft nichts anderes als Wildnis. In Deutschland beträgt die Gesamtfläche der Wildnis gerade mal 0,6 Prozent der Fläche des gesamten Landes. Die restliche Fläche ist entweder städtisch oder landwirtschaftlich geprägt. Das bedeutet, dass wir zum größten Teil in einer Kulturlandschaft leben. Wir leben in einer Landschaft, die durch Verkehr, Industrie, Landwirtschaft und somit durch unseren gesamten Lebensstil geformt wurde. Wir leben in einer Landschaft, von der wir alle profitieren. Egal, ob wir jagdlich interessiert sind oder vegan leben.

Diese Kulturlandschaft hat die Naturlandschaft abgelöst. Eine natürliche Regulierung, in der alle Tier- und Pflanzenarten in einer notwendigen Populationsgröße überleben können, funktioniert nicht mehr. Tatsächlich war und ist es der Mensch, der dieses natürliche Gleichgewicht durcheinandergebracht hat. Durch wirtschaftliche Interessen aber auch durch sportliche Aktivitäten und der Sehnsucht nach Erholung greift er immer wieder in die Natur ein. Durch dieses Eingreifen werden Tierarten bedroht, während andere Arten überhandnehmen und ökologische als auch ökonomische Schäden verursachen. 

Die natürlichen Regulationsmechanismen, die eigentlich zwischen Beutegreifern und Beutetieren bestehen, existieren nicht mehr wirklich. Das Schalenwild zum Beispiel hat kaum noch natürliche Feinde. Zwar hat sich der Wolf an manchen Stellen wieder angesiedelt, doch auch hier sind – in unserer Kulturlandschaft – Konflikte langfristig vorprogrammiert. Gerade die Weidewirtschaft und die Freilandhaltung wird durch die Anwesenheit des Wolfes beeinträchtigt. Doch das ist ein eigenes Thema, dem ich an anderer Stelle etwas mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen möchte. Nur so viel möchte ich sagen: Ich bin kein Gegner des Wolfes. Ich mag dieses Tier. Doch glaube ich einfach, dass eine unkontrollierte Ausbreitung in unserer Landschaft nicht funktionieren kann.

Jagd bedeutet mehr als Abschuss.

jagd wichtig

Mein Bild der Jägerschaft beruhte lange Zeit auf jenem, welches ich mir als Kind gezeichnet hatte. Männer in grün, die im Herbst über Äcker und Wiesen gehen. Männer, die über Land ziehen, um Wild zu erlegen. Nie habe ich mir die Mühe gemacht, dieses Bild, mein Bild, selbstkritisch zu hinterfragen. Erst ab dem Moment, ab dem ich mich mit der Naturfotografie befasst habe und dadurch intensiver mit Jägerinnen und Jägern ins Gespräch kam, veränderte es sich. Ich bekam Einblicke in die Arbeit, die mit der Jagd einher geht und stellte fest, dass sich gute Jägerinnen und Jäger immer in den Momenten auszeichnen, in denen ihr Finger gerade bleibt. Nur leider werden diese Momente selten nach außen transportiert. 

Ich sah, wie Wildäcker, Hecken und Biotope angelegt oder Müllsammelaktionen durchgeführt wurden. Nistkästen wurden aufgehängt und Blühstreifen an den Rändern der Maisackerflächen bepflanzt, die nicht nur dem jagdbaren Wild, sondern der gesamten biologischen Vielfalt zugute kamen. Die Jägerinnen und Jäger machten sich Gedanken darüber, wie sie das Wild vor dem Tod im Straßenverkehr effektiver schützen können und wie die Anzahl der getöteten Kitze bei der Grasernte minimiert werden kann. Ich traf Jägerinnen und Jäger, die sich Urlaub nahmen, Kontakt mit den Landwirten der Region aufnahmen und dafür sorgten, dass diese den ersten Grasschnitt in der Nacht durchführten. Einfach, weil bei den niedrigeren, nächtlichen Temperaturen die kleinen Kitze in den Wärmebildkameras der Drohnen leichter zu sehen waren.

Die Jägerinnen und Jäger, die ich in der letzten Zeit kennenlernen durfte, haben mich durch ihr Wissen über die Natur, die Zusammenhänge und die Fachkenntnis über die Tier- und Pflanzenwelt stark beeindruckt. Viele meiner Argumente, die ich für richtig hielt, haben sie mit Ruhe und Sachverstand widerlegt und mir ihre Argumente nähergebracht, die für mich dann tatsächlich sinnvoll und richtig erschienen. Auch das Argument, dass sich die Natur in der Kulturlandschaft nicht alleine regulieren kann, machte für mich, bei näherer Betrachtung Sinn. Was für mich diesbezüglich wirklich wichtig war, war zu verstehen, dass der romantische Blickwinkel, den ich auf die ganze Sache hatte, mit der Realität leider nicht vereinbar war. 

Die Jagd ist wichtig.

Natürlich möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass es unter den Personen, die ich kennengelernt habe, auch Menschen gab, denen es nur um den Abschuss ging. Menschen, denen die Hege und die Pflege des Wildes und der Natur nicht sonderlich wichtig erscheint. Aber von diesen einzelnen Personen einen Rückschluss auf die gesamte Jägerschaft zu schließen ist genauso falsch, wie aufgrund einiger militanter Tierschützer die gesamte Tier- und Naturschutzbewegung zu verurteilen. Ich persönlich glaube, dass die Erhaltung, die Pflege und der Schutz der Tier- und Pflanzenwelt nur auf einem gesunden Mittelmaß möglich ist.

Abschließend möchte ich sagen, dass sich meine Meinung über die Jagd in den letzten Jahren, in denen ich mich intensiv mit der Thematik beschäftigt habe, sich wirklich verändert hat. Der Gedanke, dass Jägerinnen und Jäger nur Menschen sind, die sich es zur Aufgabe gemacht haben, ausschließlich Wild zu erlegen, existiert nicht mehr. 

Ich weiß heute, dass Jagd mehr ist als der pure Abschuss. Viel mehr bin ich davon überzeugt, dass die Jagd im Ganzen betrachtet, die Voraussetzung dafür ist, dass wir die Artenvielfalt in unserer Kulturlandschaft überhaupt erhalten können. Ich habe begriffen, dass die Jägerinnen und Jäger reguliert durch die Gesetze der Jagd in diverse Vorgänge eingreifen, die in einer wirklichen Naturlandschaft, von der wir leider nicht mehr zu viel haben, von selbst ablaufen können. 

Die Tatsache, dass wir in einer Landschaft leben, die durch Verkehr, Industrie und auch durch die Landwirtschaft geprägt ist, trägt dazu bei, dass wir es letzten Endes sind, die die Artenvielfalt in der gesamten Natur gefährden. Erst wenn wir damit beginnen, der Natur wieder ihren ursprünglichen, unberührten Raum zu geben, können wir darüber nachdenken, ob die Jagd überhaupt noch zeitgemäß ist. Aber bis wir diesen Zustand erreicht haben, müssen Jägerinnen und Jäger in die natürlichen Vorgänge eingreifen, um die Artenvielfalt wirklich langfristig erhalten zu können.

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